Soziale Lerndienste im Bistum Trier



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Beschluss der "Würzburger Synode": Entwicklung und Frieden

Der Beitrag der katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland für Entwicklung und Frieden (Einleitung von P. Becher), in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Offizielle Gesamtausgabe I. Beschlüsse der Vollversammlung, Freiburg i. Br. 1976, 459-510, 499-509.
2.2.3 Erziehung zum Frieden

Unter den Friedensaufgaben, vor die sich die Kirche in der Bundesrepublik Deutschland gestellt sieht, hat ein verstärkter und eigenständiger Beitrag zur Friedenserziehung Vorrang. Sie muß schon im Elternhaus beginnen und im Religionsunterricht der Schulen wie in der gesamten Bildungsarbeit der Kirche fortgeführt werden. Erziehung zum Frieden ist an der Ausbildung und Einübung friedensfördernder Einstellungen und Verhaltensweisen orientiert und umfaßt verschiedene Teilziele und Teilschritte. Als Richtziel der Friedenserziehung sind anzusehen: Bereitschaft, den anderen Menschen unvoreingenommen zu sehen, andere Gruppen und Völker kennenzulernen und sie in ihrem Anderssein anzunehmen; Rücksicht auf fremde Bedürfnisse und Klärung der eigenen; Abbau von Vorurteilen; Änderung von friedensgefährdenden Einstellungen und Verhaltensweisen; Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum Kompromiß und zur Übereinkunft; Parteinahme zugunsten Benachteiligter; Mitwirkung bei der Überwindung von Unrechtszuständen; Fähigkeit Widerstand gegenüber den Bedingungen und Ursachen des Unfriedens zu leisten: In diesen Zusammenhang gehört auch die Bereitschaft zum Protest und zur gewaltlosen Aktion sowie deren Einübung; Fähigkeit, jenen – besonders durch die Massenmedien vermittelten – Darstellungen und Deutungen der Wirklichkeit Widerstand entgegen zu setzen, die den Unfrieden verschleiern oder die Scheinfolge von Gewaltlösungen verherrlichen.
Diese Einübung in eine Friedenspraxis muß jedoch ergänzt werden durch die Aneignung von Fähigkeiten, welche die Erkenntnis und Analyse innergesellschaftlicher und zwischenstaatlicher Bedingungen und Ursachen des Unfriedens fördern. Denn die notwendige und anzustrebende Sensibilisierung gegenüber Unrecht und Unfrieden muß so weit wie möglich mit der rationalen Einsicht in die Ursachen des Unfriedens verbunden werden, damit die Fähigkeit angemessene und gewaltfreie Mittel der Konfliktaustragung zu wählen, eingeübt werden kann; anderenfalls wird, was friedensförderndes Handeln sein soll, ziellos und blind. Dabei ist allen Methoden der Vorzug zu geben, die Wort und Tat in kritischer Prüfung verbinden, die zur Beteiligung möglichst vieler führen und die auch den Gegner in die Überlegungen und Aktionen der Konfliktregelung einschließen.
Erziehung zum Frieden gehört zum kirchlichen Lebensvollzug in Verkündigung, Liturgie und Bildungsarbeit der Gemeinden, der Gruppen und kirchlichen Verbände, auch der kirchlichen Schulen. Sie beginnt vornehmlich auf jenen Gebieten und in jenen Fragen, denen wir in unserer täglichen Erfahrung in allen Lebensbereichen, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und in anderen Bereichen und Organisationen unmittelbar begegnen: Etwa mit der Bereitschaft, Kirche und Gesellschaft bei uns insgesamt ausländerfreundlicher zu machen, sozial benachteiligten Gruppen und u. a., Obdachlosen und entlassenen Strafgefangenen, bei der gesellschaftlichen Wiedereingliederung zu helfen, sich für die Freilassung politischer Häftlinge – gleich in welchen Ländern – unter Umständen öffentlich einzusetzen. Die Erfahrung lehrt, daß im allgemeinen erst eine Sensibilisierung für die vielfältigen Formen des Unfriedens im alltäglichen und persönlichen Lebensbereich die notwendige Bereitschaft für ein Friedenshandeln schafft, was dann auch dem internationalen Frieden dient.
Mit der steigenden Not in der Dritten Welt und der zunehmenden Schwierigkeiten der Industriestaaten fällt der Friedenserziehung eine weitere Aufgabe zu. Sie muß die Bereitschaft stärken, für die Belange der Entwicklungsländer einzutreten. Da die Überwindung von Welternährungskatastrophe, Ausbeutung und einseitige Abhängigkeit auch Veränderungen unserer eigenen Wirtschafts- und Sozialstruktur sowie der ihr zugrunde liegenden eigenen Einstellungen zu Wohlstand und Konsum erfordert (vgl. Teil 1), schließt die Friedenserziehung die Befähigung ein, diese Zusammenhänge zu begreifen sowie für die entsprechenden politischen Folgerungen einzutreten. Dabei sind die wirtschaftlichen und politischen Forderungen der Völker der Dritten Welt gegen die eigenen Gruppeninteressen abzuwägen; einerseits muß die wechselseitige Abhängigkeit von Entwicklungs- und Industrieländern erkannt werden, andererseits jedoch die Einsicht wachsen, daß die berechtigten Interessen der benachteiligten Völker vorrangig Beachtung finden müssen, weil diese im bestehenden Abhängigkeitsverhältnis bisher einseitig die schwächeren sind.
Ebenso muß Erziehung zum Frieden den Willen fördern, Dialog und Auseinandersetzung mit anderen Weltanschaulichen und politischen Organisationen, auch mit denen anderer Staaten und Völker sachlich zu führen. Dazu gehört die Fähigkeit, die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen von Vorurteilen, Feindbildern und Aggressionen zu erkennen, sowie die Bereitschaft, nach Möglichkeit die eigenen Vorurteile abzubauen. Insgesamt ist alles zu unterstützen, was dem besseren Kennenlernen, der Verständigung zwischen den Menschen verschiedener Völker sowie der internationalen Zusammenarbeit dienen kann. Diese Aufgaben der Friedenserziehung sind nur in enger Verbindung mit der Friedensforschung zu lösen. Auch sollten die Bemühungen der Friedenserziehung im schulischen und außerschulischen Bereich berücksichtigt und unterstützt werden.

2.2.4 Dienste für den Frieden

Die Synode bekennt sich zur Verpflichtung der Christen, zur Sicherung und Förderung des Friedens nach Kräften beizutragen. Die persönliche Bereitschaft dazu kann in besonderen Diensten für den Frieden ihren unterschiedlichen und vielfältigen Ausdruck finden. Wie in anderen Bereichen bedürfen Gesellschaft und Kirche auch hier in besonderem Maße jener, die sich über ihre üblichen beruflichen und staatsbürgerlichen Verpflichtungen hinaus zur Verfügung stellen. Die Synode betont die Notwendigkeit solchen Dienens in unserer Zeit und begrüßt die Bereitschaft dazu, die vor allem in der Jugend – mehr als oft nach außen hin sichtbar – vorhanden ist. Sie erinnert an Wort und Beispiel Jesu, der „nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen“ (Mt 20, 28).
In der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet der Staat seine jungen Bürger zum Dienst in der Bundeswehr oder, wenn sie Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen sind, zu einem Zivildienst. Außerdem gibt es eine Reihe von Freiwilligen-Diensten, die nach ihrem Selbstverständnis auf die Sicherung und Förderung des Friedens hingeordnet sind. Die Kirche hat nicht nur in den Pflichtdiensten eine eigene Pastorale Aufgabe zu erfüllen, die sie selbst als Beitrag zum Frieden versteht; ihr Bemühen geht auch dahin – und sie wird dafür eigene Initiativen entwickeln –, den Beitrag solcher Dienste für den Frieden zu erhöhen und die Bereitschaft zu verantworteter Mitarbeit in ihnen zu stärken. Unter diesem allgemeinen pastoralen Aspekt, der sich aus dem Friedensauftrag der Kirche ergibt, nimmt die Synode hier zu den einzelnen Diensten und Tätigkeitsbereichen Stellung.

2.2.4.1 Personelle Entwicklungsarbeit als Beitrag zum Frieden

Der freiwillige Einsatz im Rahmen der personellen Entwicklungshilfe ist eine hervorragende Möglichkeit, in der konkreten Situation das für unsere Lebensverhältnisse unvorstellbare Ausmaß von Not, Krankheit und Unterentwicklung kennenzulernen, ihre Ursachen zu ergründen sowie beseitigen zu helfen und so auch dem Völkerfrieden zu dienen. Die Synode begrüßt es, daß Entwicklungshelfer für die Vorbereitung und Durchführung dieser Aufgabe vom Wehr- oder Zivildienst freigestellt werden.

2.2.4.2 Sozialer Dienst für Frieden und Versöhnung

Der erhöhten Notwendigkeit und Verpflichtung, aktiv und schöpferisch für den Frieden zu wirken, entspricht eine größer gewordene Bereitschaft vieler junger Menschen zum praktischen Einsatz friedensfördernde soziale Verhältnisse und dem Frieden dienende Aufbauarbeit, Versöhnung und Verständigung unter den Völkern. Das Angebot an entsprechenden Diensten in denen freiwillig und zeitlich befristet gearbeitet werden kann ist vielfältig. In der Katholischen Kirche ist der internationale Bauorden entstanden. Auf evangelischer Seite sind ähnliche Initiativen erfolgt, deren Angebote in beachtlichem Umfang auch von katholischen Freiwilligen in Anspruch genommen wird. Es fehlt jedoch in unserer Gesellschaft noch weithin an der Einsicht, daß solche Dienste für den Frieden dringend notwendig sind und daß sie der Förderung durch Staat, gesellschaftliche Kräfte und Kirche bedürfen.
Es ist daher ein Gebot der Stunde, auf katholischer Seite eine Stelle zu schaffen, welche die bisherigen Erfahrungen auswertet und die vorhandenen Aktivitäten koordiniert. Gegebenenfalls soll sie als exemplarisches Beispiel auf katholischer Seite einen neuen sozialen Dienst für Frieden und Versöhnung einrichten, der – nach den Kriterien, die allgemein für die Erziehung zum Frieden zu gelten haben (vgl. 2.2.3) – auf der Grundlage der Freiwilligkeit und nach erforderlicher Ausbildung der Bewerber zeitlich begrenzte Einsatzmöglichkeiten im Bereich der pflegerischen und sozialpädagogischen Dienste, bei Katastrophenfällen im In- und Ausland sowie im Dienste der Versöhnung und Verständigung mit anderen Völkern anbietet. Neu entstehende katholische Initiativen sollen von Anfang an in enger Zusammenarbeit mit entsprechenden evangelischen Angeboten konzipiert werden und bisherige Erfahrungen und Möglichkeiten berücksichtigen. Die Synode spricht sich dafür aus daß die Zeit des Einsatzes auf den Wehr- bzw. Zivildienst angerechnet wird bzw. wird.

2.2.4.3 Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst

Der Sicherung und Förderung des Friedens dienen auch Diejenigen, die eine verantwortete Entscheidung für die Kriegsdienstverweigerung treffen und zum Einsatz in einem Zivildienst bereit sind. Sie haben deshalb Anspruch auf Achtung und Solidarität. Nicht selten gehen gerade von den Zivildienstleistenden und Kriegsdienstverweigerern schöpferische Anstöße zu friedensfördernden Verhaltensweisen aus, etwa durch ihren Dienst für benachteiligte und für soziale Randgruppen. Die Synode spricht sich dafür aus, daß die Kirche stärker solche Anstöße aufnimmt und fördert, damit diese auch für die Gesellschaft insgesamt besser nutzbar gemacht werden. Die kirchliche pastorale Aufgabe der Information, Beratung und Betreuung von Kriegsdienstverweigerern und Zivildienstleistenden kann jedoch nur dann sachgerecht erfüllt werden, wenn die zuständigen kirchlichen Stellen und Organisationen ausgebaut und ausreichend ausgestattet werden.
Das bisher angewandte Verfahren auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer ist meist diskriminierend und darüber hinaus als Gewissensprüfung vom christlichen Verständnis her unzumutbar, die Art des Zivildienstes oft verfehlt und sachlich unzureichend. Die Synode fordert daher die Politiker auf, Vorsorge zu treffen, daß statt der Gewissensprüfung in der bisherigen Form bessere, der personalen Würde angemessene Wege der Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen aufgrund Artikel 4 , Absatz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gefunden werden. Die Synode empfiehlt weiterhin, solche Zivildienstplätze in genügender Zahl zu schaffen und tatsächlich zu nutzen, die ihrerseits einen Beitrag zur Förderung und Sicherung des Friedens darstellen. Die Synode warnt davor, Motivation und Dienst für den Frieden in diesem Bereich zu diskreditieren.
Außerdem tritt die Synode dafür ein, daß in allen Ländern „Gesetze für die in humaner Weise Vorsorge treffen, die aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigern, vorausgesetzt, daß sie zu einer anderen Form des Dienstes an der menschlichen Gemeinschaft bereit sind“ (GS 79). Die Synode bittet die Teilkirchen, sich in ihren Ländern nach den gegebenen Möglichkeiten für dieses Ziel einzusetzen.

2.2.4.4 Wehrdienst

Sicherung des Friedens ist notwendig; sie ist eine der Voraussetzungen und ein Beitrag zur Förderung des Friedens. Sie ist in erster Linie eine Aufgabe der Politik. Auch der militärische Beitrag – über dessen Höhe, Form und Ausmaß die Synode nicht im einzelnen zu Urteilen vermag – muß unter dem Primat der Politik stehen. Im Rahmen der Gewaltverzichts- und Friedenspolitik, die sie in der Bundesrepublik Deutschland von Anfang an – trotz vorhandener Meinungsunterschiede in einzelnen Fragen – von allen demokratischen Kräften bejaht und getragen wird, kommt dem Dienst der Soldaten zwar eine begrenzte und immer neu zu überprüfende, aber real wirksame Funktion für den Frieden zu. Diejenigen, die sich verantwortlich für diesen Dienst entscheiden, und damit ihren Auftrag zur Sicherung des Friedens, insbesondere zur Kriegsverhinderung erfüllen wollen, haben Anspruch auf Achtung und Solidarität.
Die Synode begrüßt, daß sich viele katholische Soldaten in zunehmendem Maß mit den Problemen des Friedens und mit der kirchlichen Friedenslehre beschäftigen. Sie bekräftigt die Notwendigkeit der parlamentarisch-demokratischen Kontrolle der Bundeswehr und erinnert an die Mahnung des Konzils, daß vor jeder nationalistischen oder sonst verengten Sicht warnt: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei“ (GS 79). Auch die Militärseelsorge wird mit diesen Problemen konfrontiert. Sie muß einerseits daran festhalten, daß Zweck und Einsatz des soldatischen Dienstes von der gesamten Gesellschaft wie vom Soldaten selbst vor allem auch unter ethischen Gesichtspunkten zu verantworten sind. Andererseits muß auch die Militärseelsorge ihrerseits dem Soldaten zu einer verantwortungsvollen Entscheidung verhelfen, da das Prinzip von Befehl und Gehorsam in den Streitkräften mehr denn je ethische Verantwortungsbereitschaft von Vor- und Nachgeordneten voraussetzt. Die Synode begrüßt, daß die „Hilfen für den pastoralen Dienst der Militärseelsorge“ in ihrer pastoraltheologischen Orientierung vom allgemeinen politischen Ziel einer „Weltordnung ohne Krieg“ und einer friedensfördernden Entwicklung der Menschheit ausgehen und ihre Verkündigung daher unter dem Leitthema „Heil und Frieden“ stellen.
Wehrpflichtige, die noch vor der Entscheidung stehen, haben ein Recht auf gewissenhafte kirchliche Information, Beratung und Betreuung, die alle Aspekte berücksichtigt. Im Rahmen der kirchlichen Jugendarbeit und des Religionsunterrichts sind verstärkt Probleme des Friedens anzusprechen, damit die Jugendlichen auf eine verantwortete Entscheidung zwischen der Ableistung des Wehrdienstes und seiner Verweigerung vorbereitet werden.

2.2.4.5 Zuordnung der verschiedenen Dienste

Sofern die einzelnen Dienste für den Frieden im Ziel übereinstimmen und die Weltweite Sicherung und Förderung des Friedens anstreben, kann man sagen, daß sie sich auf ihren unterschiedlichen Weg zu diesem Ziel gegenseitig bedingen und ergänzen. Was die Pflichtdienste, insbesondere den Wehrdienst betrifft, so ist es nicht nur erforderlich, daß sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – der staatlichen Gewaltverzichts- und Friedenspolitik zu- bzw. untergeordnet bleiben, sondern daß sie auch in diesem Rahmen für mehr Frieden wirken. Die Freiwilligen Dienste müssen den nötigen Spielraum zur schöpferischen Gestaltung ihres friedensfördernden Beitrages erhalten. Dennoch werden die verschiedenen Dienste in ihrer Wirksamkeit für den Frieden und in ihrer moralischen Qualität angesichts des Dilemmas unserer Situation – da der Krieg nicht wirksam abgeschafft ist, eine militärische Sicherung des Friedens mit dem Ziel der Kriegsverhinderung allein aber nicht mehr ausreicht – weiterhin umstritten bleiben. In der Kirche wird dabei besonders schmerzlich erfahren, daß die verschiedenen Gruppen aus Evangelium und kirchlicher Lehre sehr unterschiedliche Folgerungen ziehen – eine Schwierigkeit pastoraler Praxis, die besondere Bedachtsamkeit in der innerkirchlichen Diskussion der damit verbundenen Fragen erfordert. Deshalb sind alle Beteiligten aufgerufen, einander nicht abzuwerten, jeder Verurteilung des anderen entgegenzutreten und im fortgesetzten Dialog gemeinsam nach immer besseren Lösungen für die anstehenden Probleme zu suchen.

2.2.5 Gewaltverzicht, Verständigung und Kooperation

Dem Kriegs- und Gewaltverbots des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen, das jede Anwendung oder Androhung militärischer Gewalt verbietet und als Ausnahmen nur militärische Sanktionsmaßnahmen der Vereinten Nationen sowie die individuelle oder kollektive Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angriff zuläßt, kommt, obwohl es vielfach mißachtet und verletzt wurde, für die Bewahrung des Friedens große Bedeutung zu. Die Synode bejaht ohne Vorbehalt dieses völkerrechtliche Kriegs- und Gewaltverbot und weist alle Versuche es einzuschränken oder zu relativieren entschieden zurück. Sie stellt deshalb mit Befriedigung fest, daß die Bundesrepublik Deutschland von Anfang an bis in die jüngste Zeit in förmlichen Erklärungen und Verträgen diesen Verzicht auf Androhung und Anwendung von Gewalt feierlich bekräftigt sowie außerdem darauf verzichtet hat, Nuklearwaffen herzustellen.
Die Synode fordert die Bundesregierung auf, alle geeigneten Schritte zu unternehmen, die dazu beitragen, durch Verhandlungen eine gleichmäßige, ausgewogene und kontrollierbare Reduzierung des militärischen Kräftepotentials in Europa zu erreichen und Bestrebungen zur Rüstungskontrolle in der Welt zu fördern. Zugleich fordert sie alle politischen Kräfte auf, an der Überwindung der internationalen und gesellschaftlichen Bedingungen mitzuarbeiten, die einer Abrüstung regional und global entgegenstehen.
Die Synode stellt mit Befriedigung fest, daß die Bundesrepublik Deutschland am internationalen Waffenhandel außerhalb des atlantischen Bündnisses bisher verhältnismäßig wenig beteiligt ist. Sie warnt eindringlich davor, die Waffenexportbestimmungen zu lockern.
Die Synode begrüßt, daß die große Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland sowie alle demokratischen Kräfte einer Politik zustimmen, welche die Integration innerhalb Westeuropas, die Verständigung und Kooperation mit der DDR und den Ländern Mittel- und Osteuropas sowie die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern anstrebt. Über die Wege und Methoden dieser Politik werden allerdings unterschiedliche Meinungen vertreten. Die Synode ruft dazu auf, die notwendige Diskussion sachlich zu führen. Sie weist außerdem eindringlich darauf hin, daß der Bundesrepublik als einem Land an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts eine besondere Verantwortung zukommt, ständig darauf hinzuwirken, daß der fortdauernden Verletzung der Menschenrechte Einhalt geboten und ihre Verwirklichung gefördert wird.
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung und der soziale Rechtsstaat, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert und von ihr geboten sind, haben wesentliche Bedeutung für die Förderung des innergesellschaftlichen sowie des internationalen Friedens. Die Synode ruft daher alle demokratischen Kräfte auf, dazu beizutragen, daß der soziale Rechtsstaat gewahrt und gesichert sowie ständig in Richtung auf mehr Gerechtigkeit weiterentwickelt wird, auch im Hinblick auf die Verantwortung gegenüber der Dritten Welt (vgl. Teil 1, insbesondere 1.2.2.1 und 1.2.2.2).

2.2.6 Humanitäres Völkerrecht - Menschenrechte

Kriege, Bürgerkrieg und Katastrophenfälle haben die Notwendigkeit erwiesen, humanitäre Aktionen auf eine bessere völkerrechtliche Grundlage zu stellen. Das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines anderen Staates darf kein Hinderungsgrund sein, wenn es darum geht, leidenden und in Not befindlichen Menschen zu helfen. Politik und Wissenschaft sind daher aufgerufen, das humanitäre Völkerrecht fortzuentwickeln und den Menschenrechten Geltung zu verschaffen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Aufgabe, durch internationale Vereinbarungen zu verhindern, daß weiterhin unter Verletzung des von den Vereinten Nationen deklarierten Rechtes auf ungestörten Wohnsitz einzelne Menschen und ganze Volksgruppen gewaltsam aus ihren heimatlichen Lebensräumen vertrieben werden wie es 1945/46 Millionen Deutschen und seither vielen Menschen in aller Welt widerfahren ist.

2.2.7 Zwischenkirchlicher Dialog als Beitrag zum Frieden

Angesichts einer Weltlage, in der die nationalstaatliche Souveränität wie auch die übrigen Prinzipien und Regeln zwischenstaatlicher Beziehungen als Grundlage des friedlichen Zusammenlebens der Völker immer weniger ausreichen, gewinnt der Informationsaustausch und Dialog zwischen den Teilkirchen auch für die Sicherung und Förderung des Friedens zunehmend an Gewicht. Er trägt dazu bei, die Bedürfnisse und Interessen andere Völker besser kennenzulernen und die Berechtigung der eigenen an ihnen zu überprüfen, friedensgefährdende Ereignisse und Zustände rechtzeitig aufzudecken und bekannt zu machen sowie in Konfliktfällen gemeinsame Lösungsmöglichkeiten zu finden. Die Kirche in der Bundesrepublik Deutschland wird daher ihre Verbindungen zu den Teilkirchen in anderen Ländern, besonders in Europa, in verstärktem Maß auch für diese Ziele einsetzen.

2.2.8 Förderung der Zusammenarbeit

Friedensforschung, Friedenserziehung, Dienste für den Frieden und internationale Zusammenarbeit bedürfen heute, was den Beitrag der Kirche angeht, einer engen und vertrauensvollen Kooperation mit anderen Kirchen und Religionen, mit den übrigen gesellschaftlichen Kräften und dem Staat sowie mit allen Menschen guten Willens. Die Synode erklärt die Bereitschaft der Katholischen Kirche zu dieser Zusammenarbeit. Sie wird auch, wo immer dies geboten und möglich ist, institutionalisierte Formen solcher Kooperation anstreben, sofern diese noch nicht bestehen, und die bestehenden zu intensivieren versuchen.

2.2.9 Lösung innerkirchlicher Konflikte

Kirchliches Friedenshandeln richtet sich auch auf innerkirchlicher Konflikte. An der Art, wie sie gelöst werden, erweist sich, ob kirchliche Strukturen und Verhaltensweisen friedensfördernd oder friedenshemmend wirken. Es ist daher erforderlich, solche Strukturen und Verhaltensweisen auch hinsichtlich der kirchlichen Friedensaufgaben in ständigem Dialog, der in sich selbst ein Beitrag zum Frieden ist, zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern. Nur in dem Maß, in dem die Kirche in sich selbst die christliche Friedensbotschaft bezeugt und verwirklicht, wird auch ihr Dienst am Frieden in der Welt glaubwürdig und wirksam sein.

2.3 Empfehlungen

Im Bewußtsein der Verstrickung in die Zustände des Unfriedens in unserer Zeit und der Mitschuld an ihnen, aber auch in der Erkenntnis, daß die Kirche als Kirche der Völker heute größere Chance des Friedenshandelns hat, verpflichtet sich die Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, den Dienst der Versöhnung und des Zeugnis des Völkerfriedens mehr als bisher in ihren gesamten Lebensvollzug aufzunehmen. Die folgenden Empfehlungen sollen im Friedenshandeln auf allen Ebenen besonders in den genannten Schwerpunktbereichen, bessere Möglichkeiten, neue Impulse und geeignete Instrumente geben.

2.3.1 Zur Friedenserziehung und Friedensarbeit empfiehlt die Synode:
  • die Fragen und Probleme des Friedensgedanken bezogen sowohl auf den unmittelbaren Erfahrungsbereich des einzelnen als auch auf die Gesellschaft und das internationale Staatensystem in Gebet, Liturgie, Verkündigung und Bildungsarbeit der Gemeinden, Verbände und Gruppen aufzunehmen;
  • die Aktivität von Gruppen, Verbänden und Organisationen, die speziell auf die Friedensarbeit gerichtet ist, verstärkt zu unterstützen (z. B. Pax Christi);
  • Aktionen zur Versöhnung zwischen den Völkern verstärkt zu fördern (z. B. Maximilian-Kolbe-Werk);
  • als gemeinsame Aktionen der Weltkirche und der Kirchen in der Bundesrepublik zu Beginn jedes Jahres den Weltfriedenstag und, gegebenenfalls zu entsprechenden Anlässen, im Herbst eine Friedenswoche, beides möglichst in ökumenischer Zusammenarbeit, zu gestalten;
  • für die Verkündigung und Friedensarbeit von Gemeinden, Verbänden und Gruppen sachkundige und praxisbezogene Orientierungshilfen zu erarbeiten und anzubieten;
  • für die Friedenserziehung im schulischen Bereich wie in der Jugend- und Erwachsenenbildung didaktische Modell zu entwickeln und ihre Erprobung zu unterstützen;
  • die Friedensforschung zu fördern, ihre Ergebnisse zu berücksichtigen und die Theologie des Friedens in Forschung und Lehre in Zusammenarbeit mit der Friedensforschung weiter zu entfalten;
  • in Friedenserziehung und Friedensarbeit die Zusammenarbeit mit Partnern gleicher Zielsetzung, insbesondere auf evangelischer Seite, zu verstärken.
    2.3.2 Zu den Diensten im Frieden empfiehlt die Synode:
    • katholische Gemeinschaften und Initiativgruppen innerhalb der einzelnen Dienste für den Frieden sowie in den entsprechenden Organisationen, die speziell auf ihren Dienstbereich bezogene Friedensarbeit leisten, zu unterstützen (z. B. die Gemeinschaft Katholischer Soldaten);
    • die Militärseelsorge bei der Erfüllung ihres kirchlichen Auftrages zu unterstützen;
    • die Erfahrungen mit kirchlichen Friedensdiensten auszuwerten, kirchliche Initiativen zu koordinieren sowie die Gründung eines neuen sozialen Dienstes für Frieden und Versöhnung vorzubereiten und ihn mit den notwendigen Mitteln auszustatten;
    • die Beratungsstellen für Wehrpflichtige auf diözesaner Ebene auszubauen, die vorgesehene Koordinierungsstelle auf Bundesebene einzurichten und diese Stellen mit den notwendigen Mitteln auszustatten;
    • die Zentralstelle der katholischen Seelsorge für Zivildienstleistende angemessen auszustatten;
    • die katholische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst, die dem Erfahrungs- und Meinungsaustausch zwischen den Beratungsstellen dient und die die Anliegen der katholischen Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistenden in der Öffentlichkeit vertritt, verstärkt zu unterstützen;
    • den Dialog zwischen den Angehörigen der verschiedenen Dienste und zwischen den entsprechenden Einrichtungen zu fördern;
    • die praktischen, brüderlichen Dienste in den Gemeinden zu fördern, um Unfrieden und Not in den Gemeinden zu überwinden und diese selbst in ihrer Friedensarbeit zu stärken.
    2.3.3 Zur Konfliktlösung und internationalen Zusammenarbeit empfiehlt die Synode:
    • die weltweiten Verbindungen der Kirche mehr als bisher in den Dienst des internationalen Friedens zu stellen;
    • einen kirchlichen Krisenrat aus Sachverständigen (möglichst als ökumenisches Gremium) einzurichten, der rechtzeitig auf friedensgefährdende Situationen und Konflikte aufmerksam machen kann;
    • die wissenschaftliche Untersuchung sowie den ökumenischen Erfahrungsaustausch über Methoden friedlicher Konfliktlösungen und Strategien friedlichen Wandels zu fördern;
    • für die innerkirchliche Konfliktlösung die Ergebnisse der Konfliktforschung zu berücksichtigen.
    2.3.4 Zur Organisation empfiehlt die Synode (vgl. 1.3.4):
    • die Friedensarbeit der Kirche in den Aufgabenbereich auch der Diözesangremien und der Verbände einzubeziehen und dafür Sachausschüsse für Mission, Entwicklung und Frieden einzurichten bzw. die bestehenden mit den notwendigen Mitteln und Mitarbeitern auszustatten, damit die Gemeinden und Gruppen in ihrer Friedensarbeit problemgerecht unterstützen können;
    • den Meinungsaustausch und die Koordination zwischen den kirchlichen Werken und Verbänden, die in der Friedensarbeit tätig sind, zu fördern;
    • auf überdiözesaner Ebene den „katholischen Arbeitskreis Entwicklung und Frieden“ (KAEF = Justitia et Pax) in geeigneter Weise zu einem Gremium für Mission, Entwicklung und Frieden auszubauen, welches
      a) die Missions-, Entwicklungs- und Friedensprobleme - besonders die übergreifenden Fragen - sachgemäß, unabhängig und offen berät;
      b) die Aktivitäten der entsprechenden Werke, Dienste und Organisationen aufeinander abstimmt;
      c) als Kommission Justicia et Pax in der Bundesrepublik Deutschland tätig ist, indem es - was den Bereich Entwicklung und Frieden betrifft - die Bewußtseinsbildung fördert sowie gegenüber der Öffentlichkeit, vor allem gegenüber Parlament und Regierung, Stellung nimmt;
      d) für die Erfüllung der in 2.3.1, 2.3.2 und 2.3.3 genannten Aufgaben sachkundige Hilfen anbietet;
    •  
    • beim KAEF eine angemessene Informationskapazität zu schaffen, um die Informationen über Verletzungen von Menschenrechten, über friedensgefährdende Zustände und über Krisen- und Konfliktherde für Gemeinden, Verbände, Gruppen, Schulen und Bildungsstätten verfügbar zu machen und auf diese Weise verantwortliches Friedenshandeln zu fördern;
    • den ständigen Ausschuß „Dienst für den Frieden“ beim KAEF in der Erfüllung der von der Deutschen Bischofskonferenz übertragenen Aufgaben zu unterstützen: Die zwischen den verschiedenen Fragen zu klären, Konflikte brüderlich zu schlichten, die Zusammenarbeit der Dienste zu fördern sowie einen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration der Dienste für den Frieden zu leisten;
    • beim KAEF eine Initiativ- und Koordinierungsstelle für kirchliche Friedensdienste zu schaffen, welche die in Ziffer 2.3.2 genannten Aufgaben übernimmt oder deren Erledigung anregt;
    • beim KAEF eine entsprechende Forschungskapazität für Friedensforschung und Friedensdidaktik zu schaffen sowie die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den in der Friedensforschung tätigen Instituten und Gremien zu fördern;
    • die ökumenische Kooperation in der gesamten kirchlichen Friedensarbeit zu unterstützen und mit diesem Ziel auf Bundesebene, nach Absprache mit den anderen Kirchen, die Einrichtung eines interkirchlichen Friedensrates vorzubereiten.


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