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Gemeinde ohne Mauern - "Stiftung Gemeinde ohne Mauern international ", Mettlach-Wehingen
 
Im Laufe der vergangenen Jahre sind sehr viele Menschen in das mit etwa 450 Einwohnern relativ kleine saarländische Wehingen, einen Ort im Grenzgebiet zu Luxemburg und Frankreich und in die daran angrenzenden Orte zugezogen. Sie gehören zur christlich-charismatischen "Stiftung Gemeinde ohne Mauern international - Community without walls" (GoM) die dort, nahe der Saarschleife, ihr Zentrum aufgebaut hat. 600 Menschen gehören zu GoM, davon leben 250 im Saarland (Saarbrücker Zeitung 14./15.01.2006), die meisten, etwa 150, in Wehingen. Die ehemaligen Grundschule wurde zum Gemeindezentrum umgebaut und zur Zeit entsteht auf dem ehemaligen Schulgelände zusätzlich ein Hotel "His Place" mit 45 Betten, einem Restaurant und einem Wellnessbereich. Im Juli 2005 weihte die GoM im elf Kilometer entfernten Merzig-Hilbringen ein neues Gemeinschaftszentrum "His Place" ein, das 400 Menschen fassen kann. Für die Zukunft hat die Gemeinde große Pläne und weit reichende Visionen. Man erwartet beispielsweise in den kommenden Jahren "zu Konferenzen und Seminaren Gäste aus 34 Nationen".
  • "Wahre Gemeinde"
"Gründer und Pastoren" der GoM sind die Eheleute Irene ("Magi") und Wayne Negrini, die lange in den USA gelebt haben. Sie verstehen sich selbst als "Leiter von Leitern" und werden als "kraftvolle Visionäre" bezeichnet, die "täglich sehen, wie die Kraft des Heiligen Geistes Christen befreit, heilt und wiederherstellt". Beide legen einen sehr hohen Wert darauf, "Eltern und Mentoren zu sein" und auf "Leiterschaftstraining". Zu diesem Zweck unterhält die GoM eine Jüngerschaftsschule bzw. ein "Zurüstungs- und Trainingszentrum", das sich als eine "von Gott gesetzte Wohngemeinschaft" versteht. Dort werden auch Pastoren ausgebildet. Diese Ausbildung, die nicht mit einer akademischen theologischen Ausbildung an einer Universität oder Fachhochschule verglichen werden kann, dauert nach eigenen Angaben etwa 1 - 3 Jahre. Während Wayne Negrini, der aus den USA stammt, als "prophetischer Gospelsänger" bezeichnet wird, kommt der aus Österreich stammenden Irene Negrini durch die Fähigkeit des "apostolischen Gabesprechens" offenbar der besondere Rang einer Prophetin zu. Beide "Gründer" verstehen ihr Pastorenamt unter "direkter Führung des Heiligen Geistes". Eigenen Angaben zufolge haben sie weder eine theologische Ausbildung absolviert noch eine Jüngerschaftsschule besucht.
Zu den vielfältigen Aktivitäten der GoM gehören Seminare wie "Schule des heiligen Geistes", "Gottes Stimme erkennen", Kindererziehungs-, Ehe- und Identitätsseminare, aber auch Seminare für Führungskräfte, die sich als "Demutsseminare" verstehen. Der Gesundheitsvorsorge kommt im Programm der GoM eine wichtige Rolle zu. Angeblich sollen dort auch Menschen durch die Kraft des Glaubens von schweren Krankheiten geheilt worden sein, beispielsweise von Krebs.

Gebetsgemeinschaften, Hauskreise, Bibelgruppen, Glaubenskurse, Besinnungstage und Seminare finden nicht nur in den Räumlichkeiten der Gemeinde statt, sondern auch in saarländischen Orten in der näheren Umgebung und in anderen Bundesländern, insbesondere im sächsischen Erzgebirge. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Benelux-Ländern und in der Schweiz leben Menschen, die sich der GoM zugehörig bezeichnen. Eigenen Angaben zufolge unterhält die GoM "konkrete internationale Beziehungen", beispielsweise nach Russland, in nach Afrika und in die Ukraine. So bezeichnet beispielsweise der in der Ukraine als "Ukrainisch-Deutscher Wohltätigkeitsfond" tätige "Nehemia - Freundeskreis e.V." , 08236 Ellefeld, das Ehepaar Negrini als "unsere Pastoren".

Die GoM unterscheidet sich von anderen Gemeinden aus dem neocharismatischen Spektrum im deutschsprachigen Bereich vor allem durch die große Zahl der Menschen, die ihr bisheriges soziales und berufliches Umfeld aufgeben, um im unmittelbaren räumlichen Umfeld der GoM leben zu können. Eine rechtsverbindliche Mitgliedschaft gibt es allerdings erklärtermaßen nicht, auch nicht für diejenigen, die die Gemeinde mit dem "Zehnten" ihres Einkommens finanzieren. Die Anforderungen an die Zugehörigkeit sind dagegen sehr hoch: "Keine Person, die sich zu Gemeinde ohne Mauern zählt, kann sich auf die Mitgliedschaft auf dem Papier verlassen, sondern muss diese immer mit Leben füllen."

Die GoM bezeichnet sich zwar als "überkonfessionell" und fühlt sich laut Satzung der "Förderung der Einheit der Christen" verpflichtet, was jedoch nicht im Sinne einer ökumenischen Orientierung zu verstehen ist. An ernsthaften und verbindlichen ökumenischen Kontakten, beispielsweise zu den örtlichen katholischen Pfarrgemeinden bzw. evangelischen Kirchengemeinden hat die GoM bisher kein erkennbares Interesse gezeigt. Dem entspricht auch ihre Taufpraxis, nach der offenbar unterschiedslos auch bereits getaufte Christen nach Aufnahme in die Gemeinde getauft werden.
Die Ursache liegt im offenbar exklusivistischen Selbstverständnis der GoM, welches den eigenen Frömmigkeitsstil im Sinne eines Ausschlusskriteriums mit dem authentisch Christlichen identifiziert: Sie versteht sich als "wahre Gemeinde", die - im Sinne der von der Wassertaufe zu unterscheidenden Geisttaufe - "aus allen gläubigen Christen (besteht), die von neuem geboren sind, unabhängig von konfessioneller Herkunft oder Zugehörigkeit". Dieses Kriterium trifft nach Auffassung der GoM offenbar auf die meisten Mitglieder der katholischen und evangelischen Kirche nicht zu.

Das Wachstum der GoM kommt offenbar zum überwiegenden Teil durch die Konversion bereits getaufter Christen zustande, also durch ein so genanntes "Transferwachstum". Es bleibt fraglich, ob die Gemeinde überhaupt im größeren Umfang auch Menschen ohne religiöse Bindung und christliche Sozialisation erreicht.

Die pfingstlich-charismatische Prägung der GoM, bei der die direkte Erfahrbarkeit des Heiligen Geistes eine zentrale Rolle spielt, wird auch in ihren Gottesdiensten bzw. Versammlungen deutlich: Sie sind bestimmt durch "Hochheben der Hände, Klatschen, Singen und Jubeln, Tanzen, Singen und Beten in anderen Zungen, Weissagung, gemeinsames Beten, Altarruf und Gebet mit Handauflegung". Ebenso gehören Befreiungsdienste zur Praxis der GoM. "Weissagungen" bestehen auch in einer prophetischen Praxis, bei der Prophezeiungen einen persönlichen Adressaten haben. In der Gemeinde ist deutlich eine christlich-fundamentalistische Prägung erkennbar. Mit einer solchen Prägung ist eine erhebliche Skepsis gegenüber der modernen Kultur und den modernen Natur- und Humanwissenschaften verbunden, diese äußert sich auch in der Einstellungen zu religiösen, wissenschaftlichen und politischen Fragen, beispielsweise in der Ablehnung der Evolutionstheorie aus religiösen Gründen. Unterstützung erfährt auch die christlich-fundamentalistische "Partei bibeltreuer Christen" (PBC), der man bei Versuchen geholfen habe, im Saarland für Wahlen zugelassen zu werden: "Es wäre sehr wünschenswert, würde die PBC stärker von Christen unterschiedlichster Prägung für echte politische Arbeit entdeckt und genutzt werden", heißt es dazu in der Gemeindezeitschrift "Koinonia".
  • Mauern errichten oder Mauern überwinden?
Die Tatsache, dass Menschen aus Gründen der Zugehörigkeit zur GoM ihre Arbeitsstellen, Häuser und ihr bisheriges soziales Umfeld aufgegeben, um nach Wehingen zu ziehen, wirft ganz spezifische Probleme auf. Wer sich in diesem Umfang von einer religiösen Gruppe abhängig macht, geht grundsätzlich ein hohes Risiko ein. Kommt es zu einer religiösen Neuorientierung von Angehörigen der GoM, die mit deren Selbstverständnis nicht vereinbar ist, oder werden die Anforderungen als zu hoch erlebt, wirkt sich das nicht nur auf den religiösen Bereich, sondern alle Lebensbereiche der Betroffenen aus und macht in der Regel eine umfassende Neuorientierung ihres Lebens unumgänglich. Erhebliche familiäre Probleme sind vorprogrammiert, wenn nicht beide Partner nach Wehingen ziehen wollen oder die noch nicht volljährigen Kinder einen Umzug ablehnen.
Die GoM führt in Wehingen ein relativ isoliertes Eigenleben und legt, von missionarischen Aktivitäten abgesehen, großen Wert auf die Unterscheidung von der übrigen "Welt", die nach Aussagen von Insidern offenbar als bevorzugter Wirkungsbereich dämonischer Mächte gesehen wird. Die Mitglieder der Gemeinde beteiligen sich beispielsweise in der Regel nicht am örtlichen Vereinsleben, sondern bleiben weitgehend unter sich. Sogar Urlaubsreisen werden mit mehreren Bussen regelmäßig gemeinsam unternommen, sodass man sich auch während des Urlaubs im Binnenbereich der Gruppe bewegt.

Der Zuzug von Menschen hält trotz erheblichem Mangel an Wohnraum in Wehingen und Umgebung ungebrochen an. Die Gemeinde bzw. einzelne Mitglieder besitzen zwar Häuser, in denen die Menschen zum Teil ausgesprochen beengt wohnen. Daneben gibt es offenbar nach Geschlechtern getrennte Wohngemeinschaften für Unverheiratete, innerhalb derer es wenig Stabilität, sondern häufige Fluktuationen, vermutlich auch angeordnete Umzüge gibt.

Es gibt immer wieder Berichte über das Zerbrechen von Familien und Ehen, von Kontaktabbrüchen, auch Kontaktverboten. Angehörige, die der GoM distanziert gegenüber stehen, äußern immer wieder die Vermutung, sich den Kontakt zu ihren im Bereich der GoM lebenden Angehörigen durch "Wohlverhalten" erkaufen zu müssen.

Darüber hinaus gibt es Berichte über Probleme, die im Zusammenhang mit der "geistlichen Praxis" der GoM auftreten (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. Oktober 2005). Zu nennen sind hier besonders das ausgesprochen elitäre Selbstbewusstsein, die Überzeugung von der Wirksamkeit der Dämonen und die den Gründungspastoren zugeschriebene exklusive direkte Beziehung zu Gott sowie Prophezeiungen, die ganz konkrete Adressaten haben (Saarbrücker Zeitung 14./15.01.2006).

Die Ansiedlung einer religiösen Gemeinschaft mit den oben genannten Eigenheiten bedeutet für ein Gemeinwesen wie die relativ kleine Ortschaft Wehingen eine erhebliche Umstellung und auch Belastung. Die eingesessenen Bewohner erleben die GoM weitgehend als "Dorf im Dorf", deren Angehörigen ihnen als einheitliche Gruppe entgegen treten, ein ausgeprägtes Eigenleben führen und an Kontakten außerhalb der eigenen Gruppe, von missionarischen Aktivitäten abgesehen, nicht interessiert sind.

Seit einigen Jahren gibt es Bemühungen der GoM, die darauf abzielen, eine eigene Grundschule als "Bekenntnisschule", die "Schule mit Herz" zu gründen. Dazu wurde ein eigener Verein gegründet, der auf den ersten Blick einen Zusammenhang mit der GoM nicht erkennen lässt. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, ob das Binnenmilieu der GoM auf diese Weise in den schulischen Bereich hinein verlängert werden soll.
Die GoM hat für die Kommunalwahl 2004 erstmals eine eigene Liste für den Ortsrat aufgestellt. Die "Freie Liste Wehingen" verfügt seit dem über ein Drittel der Mandate (www.mettlach.de). Die Tatsache, dass ein Engagement innerhalb der bestehenden politischen Strukturen und Parteien abgelehnt wird, wirft die Frage auf, ob die "Freie Liste Wehingen" in erster Linie Partikularinteressen der GoM durchsetzen will. Ihr Engagement hinsichtlich der Frage der Erschließung von zunächst 20, später insgesamt 55 neuer Bauplätze durch die Umwidmung bisher dafür gesperrter Flächen scheint das zu bestätigen.

Ob sich das Zusammenleben in Wehingen in Zukunft verbessern wird, bleibt angesichts der aktuellen Entwicklungen dahingestellt. Lediglich im Hinblick auf räumliche Engpässe durch fehlende Parkplätze bei Gottesdiensten und größeren Veranstaltungen der GoM ist durch die Eröffnung des neuen Zentrums in Hilbringen eine gewisse Entspannung eingetreten. "Wir haben die Kraft, den Ort auf den Kopf zu stellen, aber weder das Recht noch die Absicht" beschreibt Michael Döbrich, ehemaliger Methodistenpfarrer aus dem Erzgebirge und jetzt Pastor der GoM, die gegenwärtige Situation. Dagegen ist aus Sicht vieler eingesessener Wehinger Bürger seit langem ein solcher Veränderungsprozess im Gange, der den Ort bereits bis an seine äußerste Belastungsgrenze geführt hat. Das sieht Döbrich anders. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Angehörigen der GoM "nicht nur glauben, sondern den Glauben leben und vertreten". Diejenigen, die wünschten, dass sich die GoM mehr in das Gemeinwesen einbringt, "wissen nicht, um was sie bitten", (Saarbrücker Zeitung 14./15.01.2006).
Matthias Neff



Sekten - Buch 
Literaturempfehlungen

  • Internet:

    "Stiftung Gemeinde ohne Mauern international - Community without walls", Südallee 2, 66693 Mettlach-Wehingen, www.sgom.eu
  • Medien-Informationen:
    • Dawn Europa, Freitagsfax Nr. 45 vom 23. November 2001
    • "Verunsichert - Ein Dorf und eine Religionsgemeinschaft", Saarländisches Fernsehen, Magazin "Mag´s" vom 29.09.2005, Autor: Martin Honnigfort
    • "Irgendwann haben sie das ganze Dorf. Ein Ort im Saarland fühlt sich überrannt: von einer christlichen Gemeinde, die vielen dubios erscheint", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. Oktober 2005 (Nr. 40, S. 68) , Autorin: Julia Schaaf
    • "Gott so nah, den Nachbarn fern", Saarbrücker Zeitung 14./15.01.2006, Autor: Harald Knitter
    • Matthias Neff, "Neue Räume - neues Land"? Die "Stiftung Gemeinde ohne Mauern international" in Wehingen, "Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen", November 2006
      Dieser ausführlichere Artikel kann über die EZW bezogen werden:
      Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)
      Auguststraße 80, 10117 Berlin
      Telefon: 030 28395-211, Fax: 030 28395-212
      Internet: www.ezw-berlin.de bzw. www.ekd.de/ezw/bestellen.php
Stand: November 2006
 

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