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Pressedienst

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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Vermischtes
„Hoffnung auf ein Happy End“
Christliche Flüchtlinge aus dem Iran und Ägypten kochen gemeinsam in der Familienbildungsstätte

Ehsan (links vorne) und Mina (ganz rechts) lassen sich den Nachtisch schmecken.
Koblenz – Marco Lorenz stellt eine Schüssel mit dampfenden Kartoffeln auf den Tisch, dazu gibt es Champignonrahmsoße und Salat. Der freiberufliche Koch und Mitarbeiter der Katholischen Familienbildungsstätte (FBS) hat an diesem Tag ganz besondere „Hilfsköche“ an seiner Seite: 16 junge Männer aus Ägypten und dem Iran, christliche Flüchtlinge, die seit Oktober in einer Unterkunft in Koblenz-Güls leben. Sigrid Frank-Morher ist Leiterin der Katholischen Familienbildungsstätte in Koblenz. Für sie sei es selbstverständlich gewesen, die jungen Männer einzuladen, sagt sie. Die FBS verfolge nach ihrem Leitbild eine offene, interkulturelle Familienbildung. „Als uns der Koblenzer Dechant Thomas Hüsch davon erzählt hat, dass eine Gruppe von Flüchtlingen in Koblenz untergebracht wird, haben wir uns sofort überlegt, dass wir sie in irgendeiner Form begrüßen wollen. Wir dachten uns, gemeinsam kochen und essen – das bringt Menschen zusammen.“

Auch Felicitas Flöthner, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses, Diakon Bernhard Saxler und die ehrenamtlich als Deutschlehrerin engagierte Studentin Violetta Dhein haben mit den jungen Männern am Tisch Platz genommen. Alle haben fleißig Gemüse und Obst geschnippelt, Soßen gerührt und den Tisch gedeckt. Jetzt ist es Zeit, das „deutsche“ Essen zu kosten. An dem meterlangen, ovalen Tisch in der Familienbildungsstätte herrscht bald Sprachengewirr: Auf Englisch, Arabisch und ein paar Brocken Deutsch wird das Essen gelobt, werden Scherze gemacht, Erinnerungen ausgetauscht. Und Lebensgeschichten erzählt.

Eine dieser Geschichten ist die von Ehsan Hosseini, einem 31-jährigen Iraner, der seit elf Monaten in Deutschland lebt. Von Aachen kam Ehsan nach Düsseldorf, von dort nach Trier in die Erstaufnahmestelle, seit Oktober lebt er mit einem weiteren Iraner und 14 Ägyptern in einer umfunktionierten ehemaligen Gaststätte in Güls-Bisholder. Eine Gaststätte – mehr ist es nicht, schon gar kein richtiges Zuhause. Früher, da hatte er so was wie ein Zuhause, erzählt der junge Mann mit dem schwarzen Rollkragenpulli in fließendem Englisch. „Früher hatte ich ein Leben, jetzt habe ich irgendwie gar nichts mehr.“ In seiner Heimatstadt Esfahan, der drittgrößten im Iran, geht Ehsan zur Schule, dann studiert er, bildet sich laufend weiter. „Ich wollte immer ein gutes Leben führen, etwas leisten“, sagt er. Mit 18 bekennt er sich zum christlichen Glauben, zu einer protestantischen Freikirche, wie seine Eltern, die in den USA geheiratet haben und dort eine Zeit lang lebten. Nachdem er ein paar Jahre in der Erdölindustrie gearbeitet hat, kündigt ihm die Firma – auch wegen seiner Religionszugehörigkeit. Ehsan gründet eine eigene IT-Firma und engagiert sich weiterhin in seiner kleinen Kirchengemeinde. „Alle religiösen Minderheiten im Iran haben ein Problem, nicht nur Christen, auch Juden, und sunnitische Muslime. Wenn man die Religion wechselt, steht darauf eigentlich die Todesstrafe“, erzählt er. Irgendwann habe ihn die Polizei abgeholt und er sei für 13 Tage im Gefängnis eingesperrt worden. „Sie haben mir meine Firma kaputt gemacht, alle Laptops beschlagnahmt. Dann schlugen sie mir zwei Optionen vor: Entweder ich sage öffentlich, dass ich mich zum Islam bekenne, dass ich falsch lag und ich ein Verräter war. Oder ich verlasse still und heimlich das Land und komme nie wieder.“ Ehsan entschied sich für die zweite Option, flüchtete mit einem Schengen-Visum nach Italien. Eigentlich wollte er in die USA, wo seine Eltern noch immer gute Kontakte haben, aber das Visum wurde ihm verweigert. Schließlich landete er in Deutschland, wo er seit elf Monaten auf eine Entscheidung in seinem Asylantragsverfahren wartet.

Und Warten ist das einzige, was Ehsan tun kann, denn Asylsuchenden ist es nicht erlaubt, in Deutschland zu arbeiten, auch kein Deutschkurs ist nach bisheriger Gesetzeslage vorgesehen. Das Nichtstun mache ihn mürbe, lasse ihn verzweifeln, sagt er und beugt den Kopf. „Hier kann ich nicht arbeiten, mir kein Leben aufbauen und zurück kann ich auch nicht. Ich bin hier wegen meines Glaubens. Gott ist keine Religion, Gott ist der Glaube jedes einzelnen Menschen. Und ich konnte nicht mehr in einem Land leben, wo ich ständig deshalb verfolgt und diskriminiert werde.“ Auf die Frage, ob sich unter dem neuen Präsidenten Rohani nichts an der Lage im Iran geändert habe, winkt Ehsan ab. „Im Gegenteil, ich finde es jetzt noch schlimmer, denn die Weltöffentlichkeit lässt sich mit ein paar Versprechen über die Atompolitik beruhigen und innenpolitisch kann die Regierung tun, was sie will. Es werden immer noch unzählige Menschen gehängt – politisch engagierte Akademiker, keine Kriminellen“, sagt Ehsan. So wie Ehsan geht es auch den anderen am Tisch. Die meisten der vierzehn ägyptischen Flüchtlinge gehören zur Minderheit der Kopten, die immer wieder den Attacken radikal-islamischer Gruppen ausgesetzt ist. Mina Louka, der neben Ehsan sitzt, sagt: „Als Christ bist du in Ägypten ein Mensch zweiter Klasse. Wenn man in Europa lebt, kann man sich gar nicht vorstellen, unter welchem Druck wir dort stehen. Mein Kumpel hier musste vor einem Mob flüchten, über die Dächer hinter seinem Haus. Um ihn zu erpressen, haben sie dann zwölf seiner Familienmitglieder festgenommen.“ Mina und die anderen würden gerne arbeiten, sagen sie. In ihrer Gruppe gibt es einen Mechaniker, einen Anwalt, einen Jurastudenten, einen Friseur, Maler und einen Koch. „Wir haben es hier mit gut ausgebildeten jungen Menschen zu tun, die sich ein Leben aufbauen wollen. Wenn die Asylgesetze nicht dagegen sprechen würden, könnten sie hier arbeiten, wo doch alle immer von Fachkräftemangel sprechen“, sagt Felicitas Flöthner vom MGH.

Trotz der schwierigen Lage sind die jungen Männer auch dankbar. Ehsan sagt: „Ich dachte immer, die Deutschen sind ein hartes Volk, aber ich habe gelernt, dass sie nur ein hart arbeitendes Volk sind. Uns begegnen die meisten Menschen sehr herzlich.“ Hier in Koblenz seien viele Nachbarn vorbeigekommen und hätten Sachspenden vorbeigebracht, mit Pfarrer Herbert Lucas seien sie gemeinsam auf dem Gülser Adventsbasar gewesen. „Oft gibt es in Gemeinden, die plötzlich Wohnheime mit Flüchtlingen bekommen, erst einmal gewisse Vorbehalte. Aber da gilt es, die Leute gut zu informieren, was wir auch in den Gottesdiensten getan haben“, erklärt Diakon Saxler. Als die 32-jährige Gülserin Violetta Dhein hörte, dass die Flüchtlinge in ihren Nachbarort untergebracht werden, entschied sie sich spontan, vorbeizuschauen. „Ich wollte einfach „hallo“ sagen und zeigen, dass die Männer hier willkommen sind und wir uns für sie interessieren. Sie haben sehr schnell den Wunsch geäußert, Deutsch lernen zu wollen.“ Seither gibt die Mutter und Studentin  ehrenamtlich zwei Mal die Woche Deutschunterricht. Der Kontakt nach außen sei wichtig für die Männer. Ehsan bestätigt das: „Ich bin einfach schon froh, wenn sich jemand für mich interessiert, wenn jemand fragt: Hey, wie heißt du, woher kommst du und was ist deine Geschichte“. An diesem 11. Dezember hat Ehsan seine Geschichte erzählt. Irgendwann, so hofft er, gibt es auch für seine Geschichte ein Happy End.




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