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Pressedienst

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Freitag, 11. Mai 2012

Heilig Rock-Wallfahrt
Warum Bushido und die Kirche nicht zusammenpassen
Ergebnisse der neue Sinus-Milieustudie U18 in Jugendkirche vorgestellt

Erik Flügge stellte in der Jugendkirche die neue Sinus-Milieustudie vor.
Trier – Sag mir, welche Musik du hörst und ich sage dir, ob du an Gott glaubst. Diese These lässt sich aus der neuen Sinus-Milieustudie für unter 18-Jährige aufstellen, die Erik Flügge, der wissenschaftliche Mitarbeiter des Sinus-Instituts, in der Jugendkirche St. Paulus vorstellte. Das Ergebnis, etwas vereinfacht: Wer Volksmusik mag, der geht in die Kirche, wer Bushido und Sido hört, der kann mit der Religion nichts anfangen. Die Studie zeigt die Lebenswelten von Jugendlichen, wie die verschiedenen Gesellschaftsgruppen Glauben und Religion stehen und wie sie über die Kirche denken. 

Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr 72 junge Menschen zwischen 14 und 17 Jahren in persönlichen Interviewgesprächen zu ihrer Lebenseinstellung, ihren Werten, ihrem Musikgeschmack und ihrer Weltanschauung befragt. Die Forscher wollten feststellen, was die Jugendlichen ausmacht und was ihr Leben prägt. Mit Hilfe der Ergebnisse will der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Trier, der sich auch finanziell an der Umfrage beteiligte, die Jugendarbeit der Diözese für die Zukunft optimieren und auch  Jugendliche anzusprechen, die sonst nicht an kirchlichen Veranstaltungen teilnehmen.

Jugendliche leben in unterschiedlichen Welten

Zu Beginn des Vortrags stellte Flügge vor, welche jugendlichen Lebenswelten es in Deutschland gibt und wie die jungen Menschen in diesen verschiedenen Welten ihren Alltag leben und erleben. Da ist die konservativ-bürgerliche Lebenswelt, die laut Flügge „von traditionelle Werten geprägt ist und sich an der Erwachsenenwelt orientiert“. Wie die sozialökologisch eingestellte Jugendlichen, die eher alternativ und sozialkritsch seien und die expeditiven jungen Menschen, die laut Flügge getreu dem Motto „play hard, work hard“ leben und nach einer Balance zwischen Selbstverwirklichung und Spaß haben streben“, kommen alle drei Gruppen aus einem eher bildungsnahen Umfeld. Jugendliche, die dem Milieu der experimentalistische Hedonisten, die „ihr Leben in vollen Zügen genießen und auf Krawall gebürstet sind, um ihre eigenen Grenzen auszutesten“ zugeordnet werden sowie die, die konsumorientiert und markenbewusst leben und sich dadurch als Zugehörige der materialistischen Hedonisten zeigen, stammen meist aus einer freizeit- und familienorientierten Unterschicht. Dazwischen sammeln sich die sogenannten adaptiv-pragmatischen Jugendlichen – die Mainstream-Jugendlichen mit hoher Anpassungsbereitschaft, die sich nach „Freundschaft, Liebe, Gesundheit und Glück“ sehnen. Zu diesen vom jeweiligen Familienleben und -alltag geprägten Milieus komme noch die Gruppe der prekären Jugendlichen, die meist in Jugendhilfemaßnahmen leben und oft sogar wohnungslos sind. „Diese Jugendlichen haben die schwierigsten Voraussetzungen. Sie haben das Gefühl, dass ihre Chancen strukturell verbaut sind, versuchen trotzdem beständig ihre Situation zu verbessern. Dadurch kommen unrealistische Berufswünsche wie etwa Profi-Fußballer zustande“, sagte Flügge.

Aufgrund dieser Kategorisierung zogen die Mitarbeiter des Sinus-Instituts Rückschlüsse auf die Einstellung der Jugendlichen zu Glaube, Religion und Kirche. „Wenn wir uns die Aussagen der Jugendlichen bei den Umfragen ansehen, reagieren eigentlich nur die Konservativ-Bürgerlichen wirklich positiv auf Religion“, erklärte Flügge. Materialistische Hedonisten seien zwar der Religion gegenüber aufgeschlossen, würden jedoch durch feste Rituale abgeschreckt. Jugendliche des prekären Milieus „sind stolz auf ihren Glauben und zeigen das auch“, sagte der Referent. Allerdings fehle dieser Gruppe das nötige Religionswissen, um den Glauben auch wirklich verstehen zu können. Adaptiv-pragmatische Jugendliche seien in Bezug auf Kirche unsicher. „Sie hätten eigentlich gerne eine Religion, die ihnen Sinn stiftet. Die Kirche ist ihnen aber zu wenig modern“, sagte Flügge. Dieser Gruppe werde Kirche dann noch einmal wichtig, wenn eine Hochzeit oder die Taufe eines Kindes anstehe.  Auch die sozialökologisch eingestellten Jugendlichen seien durchaus offen für den Glauben, „sie haben jedoch ein gespaltenes Verhältnis zur Amtskirche, empfinden sie als scheinheilig – achten jedoch die Arbeit im Bereich der Kindertagesstätten und Krankenhäuser“. Expeditive Jugendliche empfänden Glauben als etwas Individuelles, das entkoppelt sei von Religion und Kirche. „Ihnen ist Kirche oft zu altmodisch und daher für sie nicht ansprechend“, erklärte Flügge. Für experimentalistische Hedonisten sei die Kirche eine Spaßbremse und „der Glaube an sich ist ihnen suspekt“.

Kirche muss sich bewegen

Schlechte Aussichten für die kirchliche Jugendarbeit? Flügge machte den Verantwortlichen Mut. Die Situation der katholischen Jugendarbeit sei nicht vollkommen aussichtslos, wenn die Verantwortlichen ihren Blick auf die verschieden Gruppen ausweiteten. „Im Alltag konkurrieren oft viele Freizeitangebote und leider sind hier die außerkirchlichen Angebote für die Jugendlichen oft spannender und interessanter“, sagte Flügge. Die Kirche stehe seit Jahrzehnten still und bewege sich nicht. „Wenn die Kirche nicht bereit ist, sich zu innovieren, dann wird sie in Zukunft aussterben“, sagte Flügge deutlich. Ohne Nachwuchs finde sie in der modernen Lebenswelt nicht mehr statt. Doch wenn sich in der Jugendarbeit etwas verändere, könne die Kirche das Ruder noch herum reißen. „Wir haben festgestellt, dass Jugendliche auf Sinn- und Glaubenssuche sind, sie werden aber von der Institution Kirche abgeschreckt – da muss man ansetzten“, sagte Flügge. Um andere Jugendmilieus als das konservativ-bürgerliche anzusprechen, müsse man zuallererst am Sprachcode der Kirche arbeiten. „Es muss ja nicht überall Bistum Trier draufstehen, wo es drin ist“, sagte Flügge. Auf diese Weise könne man den glaubensfernen Jugendlichen erlauben, eine erste positive Erfahrung mit Kirche zu machen. „Ich sehe die Zukunft der Kirche gar nicht so pessimistisch, es kommt nur darauf an, ob man Lust auf Veränderung hat“, erklärte er.

Und auch die BDKJ-Vorsitzende Anja Peters warf nach dem Vortrag einen optimistischen Blick in die Zukunft. „Wir müssen aufhören die Jugendlichen zu zählen, die zu uns kommen, und daran zu messen, ob eine Veranstaltung erfolgreich war. Wenn wir es schaffen uns davon zu lösen, haben wir schon viel gewonnen. Die die zu uns kommen, heißen wir herzlich willkommen und die, die sich nicht angesprochen fühlen, sollten wir immer und immer wieder ansprechen. Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann müssen wir eben einen neuen Versuch starten“, sagte Peters.




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