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Di, 10.09.2019

Gastfreundschaft als großen Reichtum erfahren

Jugendbegegnung der katholischen Jugend ging in diesem Jahr nach Bosnien-Herzegowina

Gruppenbild mit dem Imam in Orasje

Gruppenbild mit dem Imam in Orasje
Orasjé   Bosnien und Herzegowina ist einer der jungen Balkanstaaten, in denen es seit Jahrhunderten ein Nebeneinander von verschiedenen Religionen und ethnischen Gruppierungen gibt. Diese Vielfalt führte oft zu Konflikten, zuletzt dem Bosnienkrieg 1992-1995, in dem etwa 100.000 Menschen starben. Dieses Land, vertreten durch die Mittelschule im nordbosnischen Orasje, war in diesem Jahr Gastgeber an der Jugendliche aus dem katholischen Dekanat Simmern-Kastellaun und der Ferenc Kölcsey Schule in Budapest teilnahmen.

Bemerkenswert war die große Gastfreundschaft, die die Jugendlichen in diesem Land erfahren haben. So waren die Teilnehmer in Gastfamilien untergebracht. Mit Produkten aus den eigenen Gärten wurden die Jugendlichen dort verpflegt: „Noch nie haben wir so gesund gelebt, wie bei dieser Jugendbegegnung in Bosnien“, so der Gruppenleiter Markus Koch, der die Jugendbegegnungen auf deutscher Seite seit vielen Jahren begleitet. Neben der immensen Gastfreundschaft wurde den Jugendlichen aber auch ein vielseitiges Programm angeboten. Die Tage wurden von den Lehrern der Mittelschule Orasje  Magdalena Miscovic, Tojo Marsic und Ruza Illisevic organisiert. Die Mittelschule, die vergleichbar ist mit einer deutschen Berufsschule, wurde auch den Jugendlichen vorgestellt. Insbesondere Berufe in der Gesundheitssparte werden dort stark angefragt, da viele bosnische Jugendliche wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit nach Deutschland auswandern möchten. Eine Ausbildung in der Krankenpflege dauert vier Jahre, darunter sind auch unter der Woche zwei Praxistage in örtlichen, medizinischen Einrichtungen vorgesehen. Die Perspektivlosigkeit der Menschen in Bosnien führt dazu, dass viele Menschen Bosnien verlassen: „Das ist ein großes Problem in meiner Heimat. Mein Dorf Vidovice hat 700 Einwohner und jede Woche verlässt eine Familie meinen Ort", schildert Tojo Marsic die augenblickliche Situation. Ruza Ilisevic fügt hinzu: „Ich würde gerne in meiner Heimat bleiben, doch wenn irgendwann keine Schüler mehr da sind, muss auch ich gehen.“

Wie sehr die schwierige wirtschaftliche Situation ist wurde auch bei der Besichtigung des örtlichen Tabakbetriebes deutlich. Im sozialistischen Jugoslawien beschäftigte der Betrieb 5000 Mitarbeiter, jetzt sind es nur noch 50 und es ist absehbar, dass der Betrieb bald pleitegehen wird. Ein Mitarbeiter verdient dort durchschnittlich 300 €.
 
Um Perspektive für die Zukunft den Menschen in Bosnien zu ermöglichen organisiert die Landwirtschaftssparte der Mittelschule auch ein Projekt mit dem katholischen Hilfswerk RENOVABIS in Kornica. Jeden Samstag werden dort die Teilnehmer in vielen Themen der Landwirtschaft unterrichtet und dabei das theoretisch erlernte in die Praxis umgesetzt. Die fünf besten Abschlüsse eines jeden Jahrganges werden mit einem Existenzgründerzuschuss belohnt. Die Teilnahme an diesem Projekt steht allen Bevölkerungsgruppen offen.

Die schwierige Situation hängt vor allem mit dem komplizierten Konstrukt im Staat Bosnien Herzegowina zusammen. So besteht das Land aus drei Ethnitäten, zum einen die katholischen Kroaten, die orthodoxen Serben und die muslimischen Bosniaken. Das Staatspräsidium besteht aus jeweils einem Vertreter der drei Bevölkerungsgruppen, deren Vorsitz alle sechs Monate wechselt. Neben der Unterteilung in zehn Kantone ist Bosnien zusätzlich noch geteilt in die kroatisch-muslimische Föderation und der Republika Srpska in der die Serben die Bevölkerungsmehrheit stellen. Die schwierige ökonomische Situation war auch Thema beim Besuch des Bürgermeisters von Orasje und dem Ministerpräsidenten Tosic im Kanton Posavina. Dabei wurde auch deutlich, dass viele Bosnier sich eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union wünschen: „Das Misstrauen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen ist auch nach 25 Jahren immer noch spürbar und die hohe Korruption der Politiker machen diesen Wunsch in naher Zukunft zunichte“, so der Hauptverantwortliche Leiter auf deutscher Seite Diakon Clemens Fey.

Jedoch gibt es auch eine gute Zusammenarbeit, insbesondere zwischen den Katholischen Kroaten und den Muslimen. Dies wurde beim Besuch der örtlichen Moschee in Orasje deutlich. So erinnerte Magdalena Miskovic daran, dass im Krieg die Katholiken den Muslimen das Dach repariert haben, als Orasje unter serbischen Granatenbeschuss gestanden hat. Beim Besuch dieser Moschee stellten die Teilnehmer viele Gemeinsamkeiten zwischen dem muslimischen und dem christlichen Glauben fest. Aber auch hier wurde die Erinnerung an den Bürgerkrieg in den neunziger Jahren des vergangen Jahrhunderts deutlich. So hatte der Imam eine Blume der Erinnerung an die Gräueltaten in Srebrenica an sein Gewand geheftet, was als größtes Kriegsverbrechen seit dem zweiten Weltkrieg in Europa gilt.

Im kroatischen Vukovar erfuhren die Teilnehmer viel über den kroatischen Widerstand gegen die serbischen Aggressoren in den Jugoslawienkriegen. Weitere Ausflüge gingen nach Zagreb und Belgrad.

Die letzten drei Tage verbrachten die Jugendlichen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Hier war die trinationale Gruppe im Youth-Hostel Johannes Paul II untergebraucht. Dieser Neubau wurde ebenfalls durch das katholische Hilfswerk RENOVABIS finanziert. Sarajevo wurde besonders bekannt durch das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, was den Ausbruch des Ersten Weltkrieges bedeutete und die olympischen Winterspiele 1984. Aber auch diese Stadt war betroffen von einem fast vier Jahre langen Belagerungszustand der Serben im Bosnienkrieg. Dadurch hat die Stadt nur noch 300.000 Einwohner (vor dem Krieg 500.000 Einwohner) und ist de fakto geteilt in einen serbischen und einem muslimischen Teil. In Sarajevo sind auch viele Frauen in Burkas anzutreffen, diese sind aber keine Einheimischen sondern stammen überwiegend aus Saudi Arabien.
In Sarajevo besuchten die Jugendlichen eine Orthodoxe Kirche, eine katholische Kathedrale, sowie eine Moschee und eine jüdische Synagoge. Zum Abschluss organisierten sie selbst einen Kulturabend, an der sich alle drei Nationen einbrachten und besuchten gemeinsam ein Rockkonzert in der Innenstadt mit Bands aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien.

„Es war eine tolle Zeit hier in Bosnien, insbesondere betroffen haben mich der Krieg und seine Auswirkungen bis auf den heutigen Tag gemacht. In der Schule bekommt man da nicht so viel mit“, resümierte Teilnehmer Silas Müller aus Dickenschied. Auch im nächsten Jahr wird es wieder eine Jugendbegegnung mit den drei Nationen geben. Gastgeber wird diesmal die Ferenc Kölcsey aus Budapest sein. Neben einigen Tagen in der ungarischen Hauptstadt werden die Teilnehmer auch Zeit bei der ungarischen Minderheit im Westen der Ukraine verbringen.

Informationen zur Jugendbegegnung gibt es bei Diakon Clemens Fey unter 06543/2020.