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Rundfunkarbeit

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Samstag, 23. Januar 2016

Lebenszeichen
Lothar Zenetti

„Die Beerdigung“ – so heißt ein nachdenklicher Text, den ich vor längerer Zeit in einer Sammlung von Geschichten gefunden habe. Eigentlich nur die Schilderung eines Abschieds auf dem Friedhof, ohne besondere Akzente. Der Sarg wird in die Erde gesenkt, doch dann heißt es: „Der Pfarrer beginnt sein Gebet. Es dauert nicht lang, dann bewegt sich der Sarg, erst ein wenig schwerfällig, dann leichter nach oben, hebt sich aus der Grube, über den Erdhügel hin. Etwas vornüber geneigt, aber schon schneller schwebt er an der Trauerversammlung vorbei, über die Bäume hinweg, höher und höher, bis er, kleiner werdend, den Blicken entschwindet. Der Pfarrer nickt, er hat es nicht anders erwartet…“

Eine schockierende Geschichte? In jedem Fall absurd und sehr ungewöhnlich. So direkt glauben wir das ja schließlich nicht, die Himmelfahrt, die Auferstehung.

Das hat vor mehr als 30 Jahren Lothar Zenetti geschrieben, einer der wichtigsten und bekanntesten kirchlichen Autoren. In wenigen Tagen wird er 90 Jahre alt. „Religion,“ so sagt er mit einem amerikanischen Autor, „sollte Saatfeld und Brutstätte von Geschichten sein.“

Nach der Schulzeit in Frankfurt, seiner Heimatstadt, ist er als junger Soldat im Krieg. Mit neunzehn Jahren, als Kriegsgefangener im sogenannten „Stacheldrahtseminar“ bei Chartres, hat er sich entschlossen, Priester zu werden. Nach Ende der Studien wird er 1952 zum Priester geweiht, ist von 1962 bis 1995 Seelsorger in Frankfurt.

Doch immer wieder schreibt er Gebete, Gedichte, Artikel, Geschichten, ist Mitarbeiter beim Hessischen Rundfunk und beim „Wort zum Sonntag“. Viele Gedichte werden vertont – eines singt Konstantin Wecker in jedem Konzert, mehrere stehen auch im neuen Gesangbuch „Gotteslob“. In über zwei Dutzend Büchern sind seine Texte gesammelt. Ein enormes Gefühl für Sprache, eine ganz leise Ironie gehen hier Hand in Hand mit einem nun wirklich persönlichem Glauben, der eben „Worte findet“, die Zuhörern und Lesern weiterhelfen – oft auch regelrecht verblüffen, wie diese Erzählung von der Beerdigung.

Wie Lothar Zenetti  selber sagt, war das Schönste und Wichtigste in seinem Leben aber doch die Gemeindearbeit, der alle seine Texte schließlich dienen sollten. Seine Texte, so sagt er, hätten immer die Absicht, „dem täglichen Leben, so selbstverständlich und banal es auch verläuft, den geheimen Sinn zu entlocken, den verborgenen Glanz, eben das Wunderbare. … zugleich der Versuch, dabei ganz aufmerksam zu sein, auf Zusammenhänge zu achten und so die Spuren des Ewigen zu entdecken. Wir sind ja selber Teil dieser unsichtbaren Wirklichkeit, die sich uns im Glauben erschließt…. Ich muss, wie man so schön sagt, ‚etwas von mir geben‘, wenn ich Menschen erreichen, sie nachdenklich machen will… Jeder, der sich an solchen Zusprüchen einmal versucht hat, weiß ja, wie viele Menschen nachher um Abschriften der Ansprachen bitten, in welch vielfältigen Lebensnöten sie sich an ihn wenden, und wie viel Ernst und Dankbarkeit die Briefe und Gespräche kennzeichnen, die folgen.“

Lothar Zenetti hatte damit als Frankfurter, als Sachsenhausener Pfarrer, einen gewaltigen Radius, als ein unaufdringlicher Missionar, den viele auch außerhalb der Kirche verstanden – und auch heute noch durch seine Texte verstehen. An seiner eigenen katholischen Kirche hat er sich immer gerieben, wie es wohl nicht anders sein kann. Aber er nennt sie auch, in einem „Huldigung“ genannten Text, mit einem tiefgründigen Bild:

„Kirche, du arme alte Waschfrau: Ein Leben lang auf den Knien, bemüht, mit krummem Rücken und roten rissigen Händen die schmutzige Wäsche zu waschen so vieler Generationen, immer wieder andern den Dreck wegzumachen, bemüht, ein Leben lang und wie vergeblich dem Staub zu Leibe zu rücken, dem Schmutz, dem Rost und den Flecken, mit diesem unbegreiflichen Ehrgeiz, ein kleines Stück dieser Welt, wenigstens dieses kleine Stück Boden, diesen immer wachsenden Berg Wäsche womöglich weiß und rein zu erschaffen, wie neu für den heutigen Tag. Und ich, das Kind, dem du die Windeln gewaschen und die Lieder vom einfachen frommen Leben gesungen hast, sollte mich jetzt deiner schämen, deiner rauen Hände und deiner grauen Haare und deines gebeugten Rückens? Noch wenn ich sterbe, wirst du bei mir sein, geduldig, und deine rauen Hände falten.“


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